Forum zum Onlinseminar vom 12.03.2019 "Störende Kinder oder (ver-) störende PÀdagog*innen"

Das Forum zu pĂ€dagogischen Fachthemen bietet einen Ort des Austauschs der raum- und zeitunabhĂ€ngig von FachkrĂ€ften, Eltern, TrĂ€gervertreterInnen und der interessierten Fachöffentlichkeit genutzt werden kann. Fragen, Probleme, Lösungen, Informationen, Kritik und Lob zur Kindertagesbetreuung in Brandenburg haben hier einen Platz. FĂŒr das Ziel, den Kindern bestmögliche Entwicklungschancen zu eröffnen und dafĂŒr zu einer Partnerschaft aller am Erziehungsprozess Beteiligten beizutragen, sollen hier pĂ€dagogische Themen behandelt werden.

Moderator: Detlef Diskowski

Kiewitt
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Forum zum Onlinseminar vom 12.03.2019 "Störende Kinder oder (ver-) störende PÀdagog*innen"

Beitragvon Kiewitt » 13.03.2019, 11:52

Herzlich willkommen in diesem Forum! Im Nachgang zum Online-Seminar gibt es hier Gelegenheit, Fragen zu stellen, ergÀnzende BeitrÀge zu schreiben oder Anregungen und Meinungen zu formulieren. Ich freue mich auf einen interessanten Austausch.

Kiewitt
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Re: Forum zum Onlinseminar vom 12.03.2019 "Störende Kinder oder (ver-) störende PÀdagog*innen"

Beitragvon Kiewitt » 13.03.2019, 12:45

Im Webinar kam die Frage nach den Reckahner Reflexionen zur Ethik pÀdagogischer Beziehungen auf, die dann aber nicht mehr inhaltlich besprochen wurde.
Sie sind aus meiner Sicht ein sehr guter Wegweiser in die Richtung einer achtsamen, anerkennenden und wertschĂ€tzenden PĂ€dagog*in-Kind-Interaktion und -Beziehungsgestaltung. Allerdings sind sie kein Garant fĂŒr eine durchweg anerkennende und wertschĂ€tzende InteraktionsPRAXIS in der Kita. Auch nicht dann, wenn sie im Eingangsbereich ausgehĂ€ngt sind.
Gerade heute morgen gab es in einer Kita, in der vor kurzem noch ein Plakat mit den Leitlinien der Reckahner Reflexionen aushing, eine eindrĂŒckliche Interaktionssituation. Die Kinder befanden sich in der Garderobe beim Ankleiden. Ein Kind weinte. Daraufhin sagte ein anderes Kind zur PĂ€dagogin: "Stimmts, bei (Name) kommen wieder die Bockhörner raus." PĂ€dagogin: "Ja, das sind die Bockhörner". Kind. "Da muss (Name) in den Zickenstall." PĂ€dagogin: "Genau, (Name) gehört in den Zickenstall." Das ereignete sich gar in Anwesenheit von Eltern.
Es scheint daher, dass das Bewusstsein ĂŒber die integritĂ€tsverletzende Wirkung solcher Ausagen teilweise nicht vorhanden ist und keine Klarheit ĂŒber die Folgen solcher Interaktionen besteht. Zumal die Worte Bockhörner und Zickenstall scheinbar regelmĂ€ĂŸig von der PĂ€dagogin genutzt werden, wie die SelbstverstĂ€ndlichkeit des Umgangs damit in der Situation zeigt.
Die Frage ist demnach, wie PĂ€dagog*inen darin unterstĂŒtzt werden können, eine entsprechende berufsethische Haltung und eine Methodenkompetenz zur Gestaltung anerkennender und wertschĂ€tzender Interaktion zu entwickeln. Das könnte ganz konkret in handlungs- und selbsterfahrungsorientierten Weiterbildungen erprobt und geĂŒbt werden. Das Selbsterfahren abwertender und verletzender Interaktion (in einem geschĂŒtzten Rahmen) und die anschließende Reflexion kann dabei möglicherweise wertvolle Erkenntnisse aktivieren.

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Detlef Diskowski
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Re: Forum zum Onlinseminar vom 12.03.2019 "Störende Kinder oder (ver-) störende PÀdagog*innen"

Beitragvon Detlef Diskowski » 13.03.2019, 13:49

Ja Herr Kiwitt, solche Szenen kann man immer wieder erleben und sie sind m.E. auch nicht mit Stress, dem schlechten PersonalschlĂŒssel o.Ă€. zu entschuldigen. Da waren Sie gestern im Webinar auch sehr klar; danke dafĂŒr.
Mir ist ein anderer Punkt aufgefallen und auf der Anerkennung der von Ihnen geforderten berufsethischen Haltung, muss m.E. dieser Punkt auch thematisiert werden:
Es geht darum, dass es in den Kitas auch Kinder gibt, die bestÀndige Aufmerksamkeit und Reglementierung durch ihr Verhalten einfordern; die andere Kinder und die PÀdagogInnen körperlich verletzen, wenn sie nicht daran gehindert werden; die alleine offenbar zu keiner Regulation ihrer Impulse in der Lage sind und bestenfalls im 1:1 Kontakt mit einer bestÀndig wachen, zugewandten Fachkraft in der Gruppe gehalten werden können. Um diesen Kindern einen Weg ins Leben zu eröffnen, ist vermutlich Kita nicht mehr der richtige Rahmen .... aber es gibt wohl keinen anderen.
Ich habe eine höchst achtsame, respektvolle und kompetente Erzieherin erlebt, die ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit einsetzen musste, und die zuweilen dieses Kind mit aller Kraft festhalten musste; die das Kind auch mit Gewalt (Festhalten am Arm) daran hindern musste, andere zu gefÀhrden.
Es gibt diese Kinder in unseren Kitas und es gibt sie nicht nur in seltenen EinzelfÀllen.

Ich kann nachvollziehen, dass es (insbes. in einem Webinar wie gestern) schwierig ist, den angemessenen Umgang mit diesen Kindern zu thematisieren, weil es zu schnell und zu leicht zur Entschuldigung fĂŒr respektloses, gewaltsames und wenig achtsames Verhalten wird ..... aber verschweigen geht auch nicht! Es gibt eben auch solche "störenden Kinder" und kompetente und achtsame PĂ€dagogInnen mĂŒssen hier ein Verhalten zeigen (meine ich), das in vielem den von Ihnen vorgetragenen Mahnungen widerspricht. Ein Verschweigen macht solche hoch belasteten PĂ€dagogen noch einsamer und unsicherer als sie es sowieso schon sind, weil sie bestĂ€ndig ein Verhalten zeigen mĂŒssen, das auch ihrer eigenen Haltung völlig zuwiderlĂ€uft.
Wenn man Ihr Webinar sehr platt und karikiert auf eine Aussage bringt, dann heißt die "PĂ€dagogInnen verstören die Kinder, die sie anschließend als störend wahrnehmen." Vielleicht in 95% der FĂ€lle stimmt das (wie ich als nicht sehr guter PĂ€dagoge aus eigener leidvoller Erfahrung weiß) und es ist m.E. eine Frage der Haltung und der fehlenden ProfessionallitĂ€t (auch des fehlenden Handwerkszeugs, meine ich). Um aber die ganze Wahrheit zu sagen, muss man sich auch den 5% zuwenden.
Ich wĂŒrde mich freuen, wenn Sie sich in einem weiteren Webinar dem professionellen und achtsamen Umgang mit solchen armen Kindern zuwenden - vielleicht gemeinsam mit einer/m kompetenten und achtsamen Erzieher/in.
Es grĂŒĂŸt freundlich
Detlef Diskowski

Kiewitt
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Re: Forum zum Onlinseminar vom 12.03.2019 "Störende Kinder oder (ver-) störende PÀdagog*innen"

Beitragvon Kiewitt » 13.03.2019, 15:15

Herzlichen Dank fĂŒr Ihre RĂŒckmeldung und die Anregungen, Herr Diskowski.
Ja natĂŒrlich, ich gebe Ihnen recht, dass es auch (tw. nicht wenig) Kinder in Einrichtungen gibt, deren Verhalten extrem herausfordernd ist. Dazu können, wie im Webinar thematisiert, persönliche Dispositionen, familiĂ€re Probematiken/Traumatisierungen, ĂŒberhaupt problematische/traumatisierende Lebenssituationen etc fĂŒhren. Zum Bespiel, wenn etwa Kinder VernachlĂ€ssigung oder Misshandlung und Missbrauch im hĂ€uslichen Umfeld erfahren. Es können aber auch EntwicklungsbeeintrĂ€chtigungen, neuronale Problematiken etc. eine Rolle spielen. Diese Problemfelder waren jedoch nicht Inhalt dieses Webinars.

Im Webinar habe ich ĂŒbrigens darauf hingewiesen, dass es im Kita-Alltag immer auch Situationen gibt, in denen PĂ€dagog*innen zu Maßnahmen greifen (mĂŒssen), die auf den ersten Blick ĂŒbergriffig wirken, etwa wenn es um den Schutz anderer Kinder oder des betreffenden Kindes selbst oder auch um den Schutz der eigenen (PĂ€dagog*innen-) Person geht. Im Idealfall werden solche Situationen im Team reflektiert und weiterfĂŒhrende Ideen/Maßnahmen fĂŒr das Kind abgeleitet. Das war jedoch nicht der Fokus des Webinars, darum kam die Anmerkung auch "nur" am Rande.

Wenn Sie sagen, dass "kompetente PĂ€dagog*innen" bei solchen Kindern ein Verhalten zeigen "mĂŒssen", das meinen Überlegungen zu ethisch begrĂŒndetem PĂ€dagog*innen-Verhalten widerspricht, dann muss die Frage nach dem Kompetenzbegriff aufgerollt werden. Ist solches Handeln als Reaktion auf höchst herausforderndes Kindverhalten als professionelle Kompetenz einzuschĂ€tzen? Oder ist es eher ein Mangel an professionellen Handlungsstrategien zum Umgang mit herausforderndem Verhalten? Das "fehlende Handwerkszeug" sprachen Sie ja selbst schon an. Das wĂŒrde dann bedeuten, dass PĂ€dagog*innen gestĂ€rkt werden mĂŒssen, mit solchen Herausforderungen adĂ€quat umzugehen. Also konkret, dass sie ihre Handlungskompetenz dafĂŒr (weiter-) entwickeln und ein entsprechendes Know-how erwerben.

Denn sehen Sie, wenn z. B. ein Kind bereits durch massive Übergriffe in seiner Lebenswelt traumatisiert ist und in der Folge extreme Verhaltensweisen zeigt wie etwa Fremd- oder Selbstaggression, welche Folgen fĂŒr das Kind hĂ€tte wohl die Erfahrung, dass sogar die (Fach-) Personen, denen das Kind qua Profession vertrauen können muss, auch ĂŒber-griffig auf das Kind reagieren? Die Traumatisierung nĂ€hme kein Ende.

Am Ende des gestrigen Webinars habe ich auf die vielen PĂ€dagog*innen hingewiesen, die anerkennend und wertschĂ€tzend mit den Kindern interagieren und ich meine, dies gewĂŒrdigt zu haben.

TatsĂ€chlich kann der von Ihnen angesprochene Inhalt das Thema eines weiteren Webinars sein, gern auch in gemeinsamer Gestaltung mit einer/einem Erzieher*in. Das wĂ€re dann eher eine theoretische Form, als VerstĂ€ndnis- und VerstĂ€ndigungsgrundlage sicher sinnvoll und wichtig. Es mĂŒsste dann aber darĂŒber nachgedacht werden, wie konkrete handlungsorientierte und methodische Kompetenzen fĂŒr herausfordernde Situationen vermittelt werden können. Das geht ĂŒber ein Webinar nicht so gut, glaube ich.


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