Überforderung vs. Langeweile

Frei, aber nicht beliebig. Horterzieherinnen und -erzieher erfĂŒllen die Aufgaben der Horte zwischen familienergĂ€nzender Bestimmung und allgemein gesellschaftlichen Zielsetzungen als sozialpĂ€dagogische FachkrĂ€fte. Der Bildungsauftrag umfasst die individuelle Erziehung,
Bildung, Betreuung und Versorgung von Kindern in einem Rahmen, der frei von vorgegebenen LehrplÀnen in jeder Einrichtung durch eine Hauskonzeption ausgestaltet wird. Beteiligung, Zusammenarbeit und eine kindzentrierte Arbeitsweise sind Grundpfeiler aller Bildungsprozesse im Hort.

Moderatoren: Ulrike Klevenz, Bettina Stobbe, Detlef Diskowski, rogerprott, Anna K. Ohm

lysan
BeitrÀge: 17
Registriert: 28.04.2016, 11:59

Überforderung vs. Langeweile

Beitragvon lysan » 10.06.2016, 10:24

In Teil B stolperten wir ĂŒber den Satz:
"Ein Schuss Überforderung ist besser als Langeweile."

Damit stimmen wir nicht ĂŒberein.
Falls Überforderung hier im Sinn von Herausforderung gemeint ist, muss es unserer Meinung nach auch so benannt werden.
Überforderung schafft Stress. Wir erleben im Erzieheralltag immer wieder Kinder, die den Mut vor Herausforderungen verlieren, weil sie den allgemeinen Anforderungen nicht standhalten, da sie aus den verschiedensten GrĂŒnden ĂŒberfordert sind.
NatĂŒrlich ist es notwendig, Dinge, die man nicht kann, zu ĂŒben und dabei sollte schon eine gewisse Herausforderung eine Rolle spielen.

Langeweile fördert die KreativitÀt.
Gerade in der heutigen Zeit der permanenten Berieselung und Dauer-Animation brauchen Kinder diese Ruhestrecken der vermeintlichen Langeweile.
Wenn "Mir ist soooo langweilig" geĂ€ußert wird, zielt das vom Kind aus meist darauf ab, dass ihm ein Angebot unterbreitet wird. Viele Eltern tun das - natĂŒrlich wird das Angebot abgelehnt; ein neues, besseres, vermutlich höherwertiges Angebot wird nachgeschoben usw. Entweder hat das Kind irgendwann seinen Willen bezĂŒglich Fernseher, Computer, Playstation, neuem Spielzeug o.Ă€. oder die Eltern verlieren die Nerven.

Unsere Hortkinder dĂŒrfen sich gern langweilen. Schließlich ist das ein Vorrecht des Kindes - ich zumindest kenne keinen Erwachsenen, der ĂŒber Langeweile klagt! Wir haben im Umgang mit vermeintlicher Langeweile mehrere Strategien entwickelt. Erstens wird Langeweile als GefĂŒhl thematisiert und untersucht - was auch unter den Kinder zu interessanten GesprĂ€chen fĂŒhrt. Zweitens werden die Kinder/das Kind von einem anderen Kind durch die RĂ€ume gefĂŒhrt, als wĂ€ren sie zum ersten Mal da. Es wird sozusagen prĂ€sentiert, welche Möglichkeiten offen und verborgen vorhanden sind. Drittens wird ein Ort geschaffen, an dem man sich langweilen darf - falls das nĂ€mlich ein angenehmes GefĂŒhl ist.

rogerprott
BeitrÀge: 12
Registriert: 01.11.2015, 15:30

Re: Überforderung vs. Langeweile

Beitragvon rogerprott » 10.06.2016, 18:44

Volle Zustimmung meinerseits zu Ihrer hier beschriebenen Praxis. Langeweile muss sein, von Zeit zu Zeit. Endlose Bespielung, Bespaßung und Belehrung nutzt den Kindern nichts. Sie mĂŒssen selbst aus einer solchen Situationen herausfinden können.

ZurĂŒckhaltung meinerseits zu dem beanstandeten Satz. Auch wenn er nicht in AnfĂŒhrungszeichen steht, ist er doch ein Zitat, wie die Fußnote ausweist. Als eine Aussage Krappmanns, die in Blossin viel Beifall gefunden hat, wĂŒrde ich (wenn ich entscheiden dĂŒrfte) deswegen nicht Ă€ndern.

Nun springe ich zur anderen Ihrer heutigen RĂŒckmeldungen und sage, die Unterscheidung zwischen Herausforderung und einem Schuss Überforderung soll/muss und kann nur in Ihren Einrichtungen erfolgen. Das legen Sie fest, wann das eine beginnt und das andere aufhört, was also zulĂ€ssig ist und was nicht. Andere Autoren arbeiten mit Ă€hnlichen Begriffen, schreiben von Zumutungen fĂŒr die Kinder, von Anregungen oder vom Eröffnen von Handlungsoptionen.
Geben Sie bitte die Definitionsmacht nicht aus der Hand. Finden Sie den Begriff, der am besten zu Ihnen passt.

PS. Im gerade erschienenen Buch "Leitwölfe sein" schreibt der Psychologe Jesper Juul, was Eltern tun können, wenn ihr Kind sagt: "Mir ist soooo langweilig!" Sie sollen antworten: "Gratuliere dir, mein Freund. Es wird spannend sein, zu sehen, welche Ideen du haben wirst." Juul weiter: Langeweile hĂ€lt kaum lĂ€nger als 20 Minuten. Das ist die Zeit, die ein Mensch braucht, um sich von den Ă€ußeren Anregungen zu lösen, sich mit sich selbst und seiner eigenen KreativitĂ€t zu verbinden.


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